Felsenlöcher, Das Geheimnis des Mürtschenfensters

Mürtschenfenster

Das Mürtschenfenster befindet sich am Mürtschenstock auf rund 2021 m. ü. M, etwa 31 m unter dem Grat. Wie beim Elmer Martinsloch, handelt es sich auch beim "Mürtschenfenster" oder "Stockloch" um eine erodierte Karsthöhle von 11 m Höhe und 15 m Breite.


Abb. 1: Sonnenuntergang am Mürtschenstock

Vom Kerenzerberg aus erscheint das Loch länglich zur Laufbahn der Sonne. In Mühlehorn selber verdeckt eine Felskante die Öffnung, so dass das Mürtschenfenster nur noch rund 1/30 der Sonnenscheibenfläche ausmacht. Von der Hauptstrasse auf den Kerenzerberg (Bereich Vontobel) ist das Loch zeitweilig gar nicht mehr zu sehen. Erst im Stocken-Bödeli Quartier unterhalb von Obstalden zeigt es sich wieder in voller Grösse, während man sich Obstalden und Nidstalden etwa in der Verlängerung des Grates Stock - Hohmatt - Wissberg befindet. Daher wird die Sicht auf das Mürtschenfenster verunmöglicht, weil es etwa rechtwinklig zu dieser Achse liegt und der Betrachter "seitlich" an die Felsenöffnung blickt.
Ausserdem wird der Blick durch die Anhöhen Brunnegg und Furggelen stark eingeschränkt. Von der Bitzi (östlich des Schulhauses) bis nach Walenguflen hat man einen uneingeschränkten Blick auf das Loch. Im weiter westlich gelegenen Filzbach dagegen ist das Mürtschenfenster nicht mehr zu sehen.

Generell sind die Geometrie und die topografische Situation auf dem Kerenzerberg, verglichen mit Elm, speziell. Während der Beobachter in Elm das Phänomen im Berg gewissermassen vom Gegenhang aus verfolgen kann, steht man auf dem Kerenzerberg am Nordabhang des Mürtschenstocks und damit am selben Hang wie das Loch. Der Lichtstrahl gleitet daher in den Novembertagen sowie Ende Januar/Anfang Februar extrem flach über das Gelände, was einerseits mit dem tiefen Sonnenstand, andererseits aber mit dem seeseitig abfallenden Gelände zu tun hat.
Durch die stark coupierte Topografie gibt es zahlreiche Bereiche, von denen aus das Loch nicht zu sehen ist. Aus dem gleichen Grund beschreibt der Lichtfleck in der Landschaft eine recht ungleichmässige Bahn, da er abermals durch Hügel aufgefangen, dann wieder auf weiten Flächen stark verzerrt wird.

In den kürzesten Tagen des Jahres, also von Ende November bis Ende Januar, wenn die Sonne durch die tiefsten Bezirke des Tierkreises zieht, geht die Sonne am Mürtschenstock "viel zu tief" unter, als dass sie noch für den Kerenzerberg durch das Stockloch scheinen könnte. Vielmehr müsste man in diesen Tagen, sofern das Wetter klar ist, den Lichtfleck irgendwo auf dem Walensee entdecken können. Leider ist es dem Autor bislang noch nicht gelungen, dieses Phänomen zu beobachten.
Genaue Berechnungen des Mürtschen-Ereignisses werden aber bald Klarheit über den exakten Verlauf des Lichtflecks bringen.

In Mühlehorn taucht die Sonne am 2./3. Februar um 14:35 Uhr MEZ und am 8./9. November gegen 14:05 Uhr MEZ im Mürtschenfenster auf. Anders als in Elm verschwindet die Sonne zuerst an der Flanke des Mürtschenstocks, um dann rund 20 Minuten später das Loch zu passieren. Am besten lässt sich die Erscheinung auf vom Platz östlich des Bahnhofs (beim Bahnübergang) beobachten. Der Strahl wandert von Westen nach Osten über das Gelände und soll für kurze Zeit sogar die goldene Kugel auf dem Turm der Grubenmann-Kirche aufleuchten lassen.


Abb. 2: Am 2. Februar 2002 streifte der durch das Mürtschenfenster fallende Lichtkegel über den Bahnhofplatz von Mühlehorn. Die Uhrzeit kann vom Kirchturm abgelesen werden! (Foto: Th. Baer)

Nach Auskunft von Annemai Kamm-Elmer hat der Kirchenstandort in Mühlehorn keinen direkten Zusammenhang mit dem Ereignis am Mürtschenstock. Sie schreibt dazu:
"Die Kirche Mühlehorn wurde 1760/61 gebaut. Es war ganz einfach der geeignetste Platz so mitten im Dorf auf dem Schuttkegel des Meerenbaches. Der Bau ist im Jahrbuch 2001 des Historischen Vereins beschrieben; auf den Sonnenstrahl aus dem Mürtschenloch wurde überhaupt nicht speziell geachtet. Die Mühlehorner machten darum nie so ein Geschrei wie die Elmer.
Laut dem Kantonalen Denkmalpfleger Dr. Jürg Davatz war kein Wort davon erwähnt beim Beschrieb des Baus. Johann Peter Zopfi, 1942 Landvogt in Lugano, schenkte den Platz für Kirche und Pfarrhaus, darum steht sie da, wo sie steht. Die Reformierten glaubten auch nicht an so "heidnische" Dinge wie Sonnenstrahlen aus Berglöchern."


Abb. 3: Die Sonne scheint durch das Mürtschenfenster!

Am 18. November 2001 konnte ich das nicht minder eindrückliche Schauspiel vom Stocken-Bödeli unterhalb von Obstalden beobachten. Die Sonne verschwand um 13:18 Uhr MEZ hinter der Pyramide des Mürtschenstocks und zeigte sich dann zwischen 13:38 und 13:42 Uhr MEZ im Stockloch. Im Januar wiederholt sich das Ereignis zwischen dem 21. und 24. für denselben Standort und ist dann in den darauffolgenden Tagen von Walenguflen (Steinacker) aus zu sehen.

(Bilder: Thomas Baer)